Der Agrarkongress des Umweltministeriums rückte die Landwirte als Partner für Klimaschutz in den Fokus. Ein klimafreundlicher Anbau soll sich für die Bauern lohnen. Doch die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist erheblich.

„Immer häufigere Hochwasserereignisse und Dürren bedrohen die Ernten, Böden werden ausgelaugt und erodieren, ihre Funktion als Wasser- und Kohlenstoffspeicher ist in Gefahr, die biologische Vielfalt schwindet. Der Schutz der Landwirtschaft und Umweltschutz sind deshalb zwei Seiten derselben Medaille“, erklärt Bundesumweltministerin Steffie Lemke zur Eröffnung des Agrarkongresses 2024. Um das Land an die Folgen der Klimakrise anzupassen, stärke das Ministerium mit natürlichem Klimaschutz die Ökosysteme und schütze mit der Wasserstrategie die wichtigen Ressource Wasser. Damit will Lemke dabei helfen,  die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland zu sichern.

Foto: Bundesumweltminsterium

„Die Klimakrise macht unsere Ernten zum Lotteriespiel. Viele Bauern sind bereit für Veränderungen, um unsere natürlichen Ressourcen besser zu schützen – oder machen das längst“, erklärte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir auf dem Kongress in Berlin. Die Landwirtinnen und Landwirte dürften aber nicht diejenigen sein, die die Rechnung alleine zahlen. Er wolle den Höfen ermöglichen, dass sie ein gutes und stabiles Einkommen mit ihren Produkten erzielen und gleichzeitig klima- und umweltfreundlich wirtschaften können. Dazu brauche es planbare und verlässliche Wirtschaftsbedingungen.

„Wenn Bauern und Bäuerinnen gesellschaftliche Leistungen erbringen, muss sich dies für sie lohnen“, beteuert auch  Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im BMEL, in einer Diskussionrunde.  Doch weder auskömmliche Erzeugerpreise noch planbare wirtschaftliche Bedingungen sind bislang – nach zwei Jahren Regierungszeit –  für die Landwirte erkennbar. Dass der Geduldsfaden gerissen ist, belegen die aktuellen Bauerndemos. Das Diskutieren von Lösungsoptionen hilft der Branche nicht weiter, wenn die praktische Umsetzung nicht zeitnah erfolgt.

„Warum ist das so kompliziert, obwohl die Strategiedokumenten bereits seit zwei Jahren vorliegen hat?“, fragt sich Professor Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes  und verweist auf die Ergebnisse der Zukunftskonferenz Landwirtschaft sowie der Borchert-Kommission. Aus seiner Sicht müssen nun drei Fragen bearbeitet werden, um die notwenige Transformation der Landwirtschaft der Praxis umzusetzen.

  1. Wie hoch sind die Kosten dafür und wer übernimmt sie?
  2. Mit welchen Lebensstilen können wir unsere Zukunft sichern?
  3. Wie kann Bürokratie entschlackt werden, um die notwendige Geschwindigkeit für die klimagerechte Transformation zu erreichen?

„Wir müssen Klimawandel, Umweltherausforderungen und Landwirtschaft in eine gemeinsame Richtung bewegen, sonst haben wir das Spiel verloren“, bringt Messner die Problematik auf den Punkt. Es ist hinreichend belegt, dass es für die Gesellschaft zukünftig viel teurer wird, wenn sie nicht umgehend Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreift. Doch allein das Wissen führte bislang nicht zu Taten. Die Wasserknappheit in der Landwirtschaft führt bereits heute zu erheblichen Ernteausfällen. „Wir stehen heute mit einer globalen Erwärmung  von 1,2 Grad erst am Anfang der Kurve und  steuern in ein Szenario mit 2,5 bis 3,6 Grad“, warnt Messner. Er fordert daher die schnelle Veränderung der landwirtschaftlichen Geschäftsmodelle in  eine Richtung, die den neuen Anforderungen gerecht wird. „Es kann keine Wohlstandssicherung gegen das Klima, gegen die Biodiversität und die planetären Leitplanken geben. Um aus der Problemlage herauszukommen müssen wir an die Verantwortungs- und Veränderungsbereitschaft der Menschen appellieren“, so Messner.

Ein Bündnis von mehr als 60 Organisationen formuliert diesen Appell alljährlich bereits seit 13 Jahren zu Beginn der Grünen Woche in Berlin.  Zehntausenden demonstrieren unter dem Motto „Wir haben es satt“ für eine bäuerliche Landwirtschaft mit mehr Umwelt-, Tier- und Klimaschutz. In diesem Jahr wird der Landwirtschaftsminister zudem dazu aufgefordert, sich eindeutig gegen die befürchtete Deregulierung des Gentechnik-Rechtes zu stellen.