In der Nähe von Höxter entsteht derzeit ein regionales Bio-Wertschöpfungszentrum.  Auf dem Zukunftsforum Ländliche Entwicklung zur Grünen Woche diskutierten die Teilnehmer:innen über Hürden und Lösungswege in der praktischen Umsetzung.

Mehr als 1800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen vor Ort und digital Ende Januar beim Forum für Ländliche Entwicklung zusammen, um mit Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und Wirtschaftsminister Robert Habeck über die Stärkung regionaler Wertschöpfung auf dem Land zu debattieren. Im Fokus standen dabei lokale Produkte, Arbeitsplätze vor Ort und die Förderung von lokalem Unternehmertum.

„Viele Regionen machen sich gerade auf den Weg, um verloren gegangene regionale Verarbeitungsstufen wieder neu zu generieren“, sagte Dorle Gothe, Vorständin der Regionalwert AG Rheinland.  Denn wer als Landwirt regional vermarkten wolle, benötige entsprechende Lager- und Verarbeitungsstrukturen vor Ort. Doch in den vergangenen 25 Jahren hätten mehr als 25 000 deutsche Müller, Bäcker oder Metzger ihre Betriebe aufgegeben.

„Wir machen das für die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder“, erklärte Gothe. Es gehe nicht darum, kleine Strukturen zu schützen oder den ländlichen Raum schön zu gestalten. Viele verschiedene Organisationen und Förderprogramme arbeiten derzeit gemeinsam an einem Wiederaufbau regionaler Wertschöpfungsketten, um die Ernährungssouveränität zu sichern. Nun gelte es, die unterschiedlichen Initiativen gezielt zu bündeln und deren Synergien zu filtern.

Bio-Wertschöpfung unter einem Dach

Im geplanten Bio-Wertschöpfungszentrum in Eissen im Kreis Höxter arbeiten die Regionalbewegung, die Regionalwert AG, die Ökomodellregion und der Biolandhof Engemann  gemeinsam an der praktischen Umsetzung des Konzeptes. Hier im östlichsten Zipfel von Nordrhein-Westfalen hat das Land eine der ersten Ökomodellregionen initiiert. Eine Managerin der Regionalbewegung kümmert sich vor Ort um den Aufbau einer Lieferkette von regionalem Biogemüse für die Gemeinschaftsverpflegung. Außerdem will die Stiftung zur Förderung der Gemeinwohlökonomie den Kreis Höxter zur ersten zusammenhängenden Gemeinwohlregion in Deutschland machen. Von zehn Gemeinden haben bereits vier eine GWÖ-Bilanz erstellt, zwei die Umsetzung beschlossen.

Bioland-Landwirt und FairBio-Vorstand Klaus Engemann stellt das geplante regionale BioWeZ Eissen auf dem Zukunftsforum in Berlin vor. Foto: FairBio

Gute Voraussetzungen für das geplante Modellvorhaben – dennoch sind die Hürden im Alltag hoch. „Die Unterstützung in der Projektentwicklung war super. In der Investitionsförderung wäre allerdings noch Luft nach oben“, konstatierte Klaus Engemann. Er bewirtschaftet den Biolandbetrieb bereits seit 35 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Andreas und inzwischen vier der Kindern. Der Hof beschäftigt zudem 30 Mitarbeiter in der Landwirtschaft sowie 20 Mitarbeiter im angegliederten FairBio-zertifizierten Handelsunternehmen für Getreide, Obst und Gemüse. Rund 350 andere Biohöfe beliefern das Bio-Handelsunternehmen mit landwirtschaftlichen Rohstoffen.

Die beiden Brüder haben ein ehemaliges Bahnhofsgelände in Betriebsnähe erworben, das nun zu einem regionalen Wertschöpfungszentrum entwickelt werden soll.  Getreu dem Unternehmensmotto „Bio von Anfang an“, haben die beiden Landwirte mit der Umsetzung schon mal angefangen. Auf einem Teil des Geländes wurden Gebäude für eine Getreideerfassung und -aufbereitung renoviert und damit Lagerkapazitäten für etwa 3000 Tonnen Getreide geschaffen.  Rund 5000 Tonnen Getreide sollen zukünftig hier gelagert und wenn möglich vor Ort weiterverarbeitet werden.

Die restlichen Gebäudeflächen des Bahnhofsgeländes haben die beiden Unternehmer zwar erworben, wollen es aber nicht alleine bewirtschaften. „Wir sehen unsere Aufgabe in der Produktion und Bündelung landwirtschaftlicher Rohstoffe. Mit dem regionalen Wertschöpfungszentrum möchten wir die verarbeitenden Unternehmen gerne in unsere Nähe holen, um damit die Transportwege für die Rohstoffe kurz zu halten“, erläuterte Klaus Engemann. Neben dem Biolandhof sind die Caterer Quellenhof Gastronomie Service GmbH sowie Biond GmbH in das Projekt eingebunden. Außerdem konnte das Kolping Bildungswerk Paderborn GmbH für die Planung eines Gemüseverarbeitungsbetriebes als Inklusionsbetrieb auf dem Gelände des Bio-Wertschöpfungszentrums gewonnen werden. „Wenn alle anderen Dinge stehen, will das Bildungswerk in Eissen einen Verarbeitungsstandort mit 16 Mitarbeiter für die  Aufbereitung  von  Kartoffeln und Wurzelgemüse aufbauen“, sagte Engemann.

Bereits umgesetzt wurde ein Muster-Bürohaus aus biogenen Baustoffen, für das ein regionales Unternehmen einen innovativen Betonziegel mit Hanffaser entwickelt hat. Das patentierte FraWo-Modul ermöglicht durch Einsparung von Sand und Kies eine deutliche CO2-Reduzierung. In das neue Bürogebäude wird nun die Regionalbewegung NRW als Mieterin einziehen. „Mit dieser Konstellation sind wir gut aufgestellt, damit in Eissen ein Zentrum für Regionalentwicklung und Bio-Wertschöpfung entstehen kann“, so Klaus Engemann.

Wie wirkt Politik in der Praxis?  Die Diskussionsrunde (von rechts) Jens Kollmann, Landwirtschaftliche Rentenbank; Annemone Spallek, MdB; Dorle Gothe, Regionalwert AG Rheinland; Maria Theresia Herbold, Landesverband Regionalbewegung NRW und Klaus Engemann, Biolandhof Engemann debattierte die Umsetzung politischer Beschlüsse in den Regionen vor Ort. Foto: Regionalbewegung

Regionale Daseinsfürsorge und längere Förderperiode

„Wir brauchen genau diese Projekte, die vorangehen“, lobte Annemone Spallek, die als Mitglied des Bundestages für die Grünen im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sitzt, das Projekt in Eissen. Spallek sieht sich als Berichterstatterin für den ländlichen Raum und das Lebensmittelhandwerk und will wissen, wo die Politik eventuell noch nachsteuern muss.

Die Begrenzung der Förderzeit von Manager:innen für die Vernetzung in Ökomodell-Regionen  und Wertschöpfungsketten auf drei Jahre wurde in der Diskussion vielfach kritisiert. Hier konnte Spallek auf die neue Option im Bundesprogramm Ökologischer Landbau hinweisen, die eine 5-jährige Förderperiode ermöglicht. Bemängelt wurde zudem die bislang stiefmütterliche Behandlung  regionaler Wertschöpfungs-Projekte durch die Wirtschaftsförderung.

Auch hier erfolgte laut Spallek bereits eine fundamentale Änderung. Bislang mussten Unternehmen mehr als die Hälfte ihres Umsatzes außerhalb eines 50-Kilometer-Radius vermarkten, um gefördert zu werden. Diese Exportorientierung wurde nun nach Jahrzehnten abgeschafft. Neu sei auch der  Begriff der Daseinsfürsorge in den Förderkriterien des Bundes, die nun von den Ländern entsprechend umgesetzt werden müssen.

Terminankündigung: Wie Bio mit dem Ausbau regionaler Verarbeitungsstrukturen aus der Umsatzdelle herauskommt, diskutiert die Regionalwert Impuls GmbH mit  BMEL-Staatssekretärin Dr. Ophelia Nick am 14. Februar um 15.30 Uhr im Forum „Zukunft braucht Netzwerke“ (Halle 9-565) auf der Biofach.

Link für angemeldete Biofachbesucher: https://www.talque.com/app#/mobile/ngx/org/ZLgi5Iuwlm8Oa6DPcfGN/session/detail/KH3HY5l8aJAMqrn3BZF4/lecture