Zeitenwende lautete das Motto der Öko-Marketingtage auf Schloss Kirchberg. Es herrschte Einigkeit über notwendige Kurskorrekturen. Zur Form des Wendemanövers gingen die Meinungen  jedoch auseinander.

Den rauen Wind ist Bio nicht gewöhnt. In den vergangenen Jahrzehnten waren die Akteure damit beschäftigt, das Wachstum zu organisieren.  Man müsse erst lernen, mit diesem massiven Gegenwind gegen die Ökologisierung der Landwirtshaft umzugehen, räumte IFOAM-Präsident Jan Plagge auf den OEMT-Marketingtagen in Kirchberg  selbstkritisch ein. In Wachstumszeiten sei es einfacher, über eine veränderte Verteilung zu sprechen als bei Stagnation.

Volles Haus im Schloss: Staatssekretärin Silvia Bender vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bei ihrer Key-NoteFoto: Akademie Schloss Kirchberg | Stefan Zimmer freiraumfoto.de

Diskussionsrunde zur Zeitenwende  im Handel mit (von links) Dr. Robert Poschacher (Edeka), Leonard und Seraphine Wilhelm (Rapunzel), Marcus Wewer (BÖLW), Dr. Julia Adou (Aldi Süd), Rüdiger Kasch (dm).  Foto: FairBio

Vielfältige Krisen wirbeln den europäischen Biomarkt derzeit mächtig auf. Durch die aktuellen Windverhältnisse verschiebe sich in Brüssel der Fokus der notwendigen Transformation: die Ökonomie rücke vor die Ökologie. Längst überholt geglaubten Geschäftsmodelle der Agrarindustrie haben erneuten Aufwind bekommen und treffen laut Plagge im konservativen Parteienspektrum Europas leider auf Resonanz. Die Auswirkungen auf den Green Deal seien dabei fatal. Jeder, der auf die wissenschaftlich belegten Fakten zur Überschreitung der planetaren Grenzen hinweise, werde derzeit massiv unter Druck gesetzt.

Bio brauche eine neue Taktik, um das Ziel einer gesamten ökologische-sozialen Veränderung zu erreichen, so Plagge. Der Bioland- und IFOAM-Präsident plädierte in Kirchberg für eine Reform der Zusammenarbeit im gesamten landwirtschaftlichen Sektor. Man müsse lernen, Bio als Element einer ganzheitlichen Ökologisierung der Land- und Ernährungswirtschaft zu sehen.  Es müssten Lösungen angeboten werden, die für alle Akteure in der Kette anschlussfähig seien, die sich in Richtung Bio entwickeln möchten.

Im geplanten europäischen Strategiedialog zur Zukunft der Landwirtschaft sah Plagge die Chance für einen Schulterschluss über die Sektoren hinweg. Dort müsse man klären, wie die Ernährung in Europa gesichert werden und dafür die Landwirtschaft aussehen solle.

       

In Bauernhand:  In der  Bio-Musterregion Hohenlohe hat das Konzept „Power to the Bauer“ eine lange Tradition.      Fotos: FairBio

Einigen Praktiker auf den Ökomarketing-Tagen dauerte die gewünschte Veränderung in Brüssel allerdings zu lange. „Wir können nicht auf die Politik warten. Wir müssen mit Bio wieder von unten anfangen“, erklärte Bio-Landwirtin Anja Frey im Workshop Wertschöpfungsketten. Sie stellte dort die Bio-Bruderkalb-Initiative der Dorfkäserei Greifertshofen vor. Auch für Stefan Schopf von der Ökologischen Genossenschaft Neckars Alb, Xäls, liegt die Zukunft von Bio eher in lokalen Konzepten. „Die Konventionalisierung der Biobranche ist kein Weg, um die Probleme der Zeit zu lösen. Es braucht Wachstumsstrategien für nachhaltige Geschäftsmodelle mit resilienten regionaleren Strategien“, argumentierte Schopf.

Der Erhalt regionaler Strukturen im deutschen Biomarktwar auch Albert Fuhs, Geschäftsführer Landgard Bio, ein Herzensanliegen. Der Anbau werde klimabedingt immer komplizierter und die Produktionskosten teurer, doch die Erzeugerpreise stagnierten. „Die Preisfindung für Bio findet heute nicht mehr in einem partnerschaftlichen Dialog zwischen Erzeugern und Vermarktern, sondern im Handzettel statt. Der dortige Preis entsteht durch einen Anbieter, der günstig verkaufen muss. Dieser sorgt dafür, dass alle Landwirte preislich unter Druck geraten“, kritisierte Fuhs und plädierte für die Sicherung der regionalen Erzeugerstrukturen: „Wer 30 Prozent Bio erreichen will, muss vor Bio wieder ein Regio setzen“.