Warum lässt sich ein Unternehmen nach Gemeinwohl-Kriterien bilanzieren und wie läuft dies in der Praxis ab? FairBio-Vorstand Klaus Engemann gibt einen Einblick in die konkrete Umsetzung für seinen biologischen Obst- und Gemüsehandel.

FairBio: Klaus, warum hast Du eine Gemeinwohlbilanz erstellt?

Diese Entscheidung dafür war ein Prozess. Über Partner, die bereits GWÖ-zertifiziert sind, haben wir seit längerem einen Zugang zu diesem Thema. Ein persönlicher Vortrag von Initiator Christian Felber hat unser Interesse zusätzlich verstärkt. Den letzten Ausschlag gab dann die „Stiftung Gemeinwohlökonomie NRW“, die im Kreis Höxter eine zusammenhängende Gemeinwohl-Region umsetzen möchte. Neben vier weiteren Unternehmen sind hier drei Kommunen und verschiedene Bildungseinrichtungen integriert. Diesen regionalen Kontext fand ich für die GWÖ-Bilanzierung unseres Unternehmens sehr passend. Ein wichtiges Motiv für die Auseinandersetzung mit dem Thema Gemeinwohlökonomie war zudem ein familieninternes Anliegen: Als Geschäftsführung wollten wir die ethischen und moralischen Grundwerte unseres Unternehmens gerne ausführlich mit der nächsten Unternehmergeneration besprechen, dazu bietet die Gemeinwohlbilanz einen sehr guten Rahmen.

FairBio: Wer war intern und extern an der Umsetzung beteiligt?

Intern waren mein Bruder Andreas und ich sowie unsere Kinder beteiligt. Extern wurden wir durch die Mitarbeiter der Stiftung unterstützt, die den Prozess in der Gesamtregion vorantreiben. Außerdem haben uns drei BWL-Studenten der Hochschule OWL im Verfahren unterstützt, deren Hochschule seit 2019 ein eigenständiges GWÖ-Seminar im Studiengang etabliert hat.

FairBio: Wie aufwändig war das Verfahren?

Die Bilanzierung ist mit Arbeit verbunden: Zu jedem der fünf Berührungsgruppen des Unternehmens – Lieferanten, Geldgeber, Mitarbeitern, Kunden und gesellschaftliches Umfeld – haben wir jeweils etwa 4 Stunden getagt. Diese Zeit haben wir auch gebraucht, um die Bilanz vorzubereiten. Meine Nichte Julia war als Verantwortliche für die Koordination zuständig. Dieses Arbeitsmodell ist für das Unternehmen nicht neu. Gemeinsam mit unseren Mitarbeitern legen wir in sogenannten Qualitätszirkeln die Ziele und Arbeitsweisen für das nächste halbe Jahr fest. Als Unternehmer setze ich darauf, dass meine Mitarbeiter Entscheidungen treffen. Dafür muss ich sie auch entsprechend vorbereiten und regelmäßig informieren.Die von vielen Verbrauchern geteilte Meinung „lieber regional als Bio von irgendwo“ stimmt derzeit eher nachdenklich. Die meisten Öko-Lebensmittel werden derzeit unter Handelsmarken ohne erkennbaren Bezug zur Region verkauft. Ich rate den heimischen Anbietern daher, die wachsende Zahl qualitätsbewusster und zahlungsbereiter Verbraucher mittels Marketingmaßnahmen schneller und besser als bisher zu erschließen.

FairBio: Welche Erfahrungen hast Du dabei gesammelt? Was würdest Du bei der nächsten Bilanz optimieren?

Ich habe das Verfahren wie eine betriebsinterne Organisationsentwicklung betrachtet, die kostet einfach Zeit. Ich würde beim nächsten Bericht nichts verändern. Die beteiligten Studenten haben für uns die Gespräche zusammengefasst und den Bericht geschrieben. Dieses Vorgehen war für uns sehr vorteilhaft und stellte eine immense Arbeitserleichterung dar. Eine solche Aufgabenteilung kann ich anderen Unternehmen nur empfehlen, es gibt mittlerweile einige Hochschulen, in denen sich die Studenten mit der praktischen Umsetzung einer GWÖ-Bilanz beschäftigen.

FairBio: Welche Ergebnisse hat die Bilanz ermittelt? In welchen Bereichen ist das Unternehmen gut aufgestellt, in welchen Punkten besteht noch Optimierungspotential?

Wir haben erkannt, dass wir durchaus noch Verbesserungspotential haben. Die Bilanz ist eine Aufstellung, die uns zeigt, was noch besser geht. Wichtige Themen sind für uns dabei die Gestaltung der Arbeitsplätze und der Arbeitsverträge. Da werden wir noch einmal rangehen. So möchte ich unserem landwirtschaftlichen Bereich gerne auch den Erntehelfern mehr als den Mindestlohn zahlen, ohne jedoch das Unternehmen zu gefährden. Für die Mitarbeiter schütten wir bislang jährlich – abhängig vom Betriebsgewinn – eine Betriebsprämie aus. Zur Förderung des ökologischen Verhaltens bieten wir nun auch die Wahlmöglichkeit, ein E-Bike zu finanzieren. Acht Mitarbeiter haben sich bereits für die Alternative entschieden.

Hat sich der Aufwand für das Unternehmen insgesamt gelohnt? Kannst Du das Verfahren anderen Biounternehmen empfehlen?

Definitiv. Gerade in der Coronakrise bemerken wir, dass unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft sehr monetär aufgestellt sind. Ich finde es sehr gut, dass die Gemeinwohlökonomie Werte wie Soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung, Gewinnverteilung und Transparenz in den Fokus rückt und die Unternehmen nach ihrem Engagement für die Gesellschaft bewertet.

Macht eine GWÖ-Bilanz ein Unternehmen widerstandsfähiger in Krisen?

Die Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens zeigt sich aus meiner Sicht in der Loyalität seiner Mitarbeiter und in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit seinen Lieferanten und Kunden. Beides sind wichtige Grundwerte der Gemeinwohlorientierung. Unser Aufgabenstellung im sehr engen Markt für Biolebensmittel lautet daher, wie kann ich die Produktverfügbarkeit langfristig sichern und nicht, wo kann ich am billigsten kaufen. Das macht uns in Krisensituationen widerstandfähiger.

Was unterscheidet die GWÖ-Bilanz vom FairBio-Konzept?

Der FairBio Verein geht mit seiner Zielsetzung in eine ähnliche Richtung und hat uns bereits für die Themenstellungen der Gemeinwohlökonomie sensibilisiert. Dabei ist FairBio stärker auf die faire Beschaffung ökologischer Rohstoffe für Biolebensmittel ausgerichtet. Die GWÖ-Bilanzierung ist hingegen – unabhängig vom ökologischen Ansatz- für alle Branchen geeignet.

 

https://www.fairbio.bio/biolandhof-engemann/

Weitere Infos zur GWÖ-Bilanzierung:

https://www.fairbio.bio/zum-wohl-der-gemeinschaft/

 

Gemeinwohlregion: Projektbericht 2019